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Donnerstag, 17. Juli 2014



auf der Fahrt zum Amtsgericht in Traunstein

Nachdem gestern so rein gar nichts passiert ist und Annette tagsüber todmüde ins Bett fiel und dreieinhalb Stunden schlief, steht heute der Termin am Amtsgericht Traunstein, Abt. für Strafsachen, an. Was uns überrascht, ist, dass eine ganze Schulklasse dem Prozesstag beisitzen wird. Drei Stuhlreihen à 10 Personen. Annette, die als Zuschauerin von Anfang an dabei sein will, muss sich einen Extrastuhl holen und sitzt dann neben den drei Stuhlreihen. Der Prozesstag beginnt pünktlich um 10 Uhr und zunächst wird die ellenlange Anklage der Staatsanwältin verlesen. Die Richterin verliest, dass der Strafbefehl an beide Beklagte, Mann und Frau, im November 2013 zugestellt worden seien und dass beide fristgerecht im Dezember 2013 dagegen Widerspruch eingelegt hätten. (Das wussten wir ja alles gar nicht.) Die beiden Gutachter von damals sind anwesend, womit wir auch nicht gerechnet hatten. Die Beklagten müssen ihre finanziellen Verhältnisse offenlegen. Der Beklagte fängt schon wieder an, jeden vollzutexten. Er sagt unter anderem, dass das Fahrzeug immer noch in seinem Besitz sei und dass der Kläger, also wir, ihn im Internet übelst beschimpfen und beleidigen und dass wir die Wahrheit über das Fahrzeug verzerren würden und es ihm deshalb unmöglich sei, das Fahrzeug jemals verkaufen zu können. (Haben wir das wirklich getan? Außer das eine Wort, das Annette für den Beklagten immer verwendet hat.) Auf das alles wird jetzt jedenfalls nicht eingegangen. Es wird der erste Zeuge aufgerufen: Der Vorsitzende Richter am OLG. Der hat den gesamten Prozess im Kopf und schildert ihn nun. Er sagt, dass es er noch lebhaft in Erinnerung hat, wie sich der Beklagte ständig neue Versionen zurechtgelegt hätte, wenn man ihm dieses oder jenes nachweisen konnte. Er sagt, dass er seit sieben Jahren Vorsitzender Richter am OLG sei und er in diesen Jahren erst drei Fälle gehabt hätte, die er nach Urteilsverkündung an die Staatsanwaltschaft gegeben hätte. Es wird geredet und geredet; auch will der Beklagte ständig Anmerkungen machen, obwohl er nur Fragen an die Gutachter und den Zeugen stellen darf. Um 11:30 Uhr wird eine zehnminütige Pause eingelegt. 



Durchfahrt durch Traunstein

In der Pause geht Annette schnell zu Herbert, der ja die ganze Zeit draußen ausharren musste. "Es wird schon wieder gelogen, dass sich die Balken biegen, sofern die noch genug Spannung haben und nicht verfault sind", sagt Annette. Und dass der Beklagte jeden volltextet und den angeblich originalen Wasserfilter, den er auf dem Tisch stehen hat, vorführen wollte, den Herbert durch unsachgemäßen Gebrauch kaputtgemacht hätte und die beiden Kunststoffteile nun verkantet seien und so weiter und so fort. Vor lauter Text wird man ganz blöd und kann sich das alles gar nicht merken. Um 11:40 Uhr geht es weiter. Die Jugendlichen sind nun nicht mehr dabei; Annette sitzt ganz allein auf den Zuschauerrängen. Der nächste Zeuge wird aufgerufen: Der Richter am Landgericht Traunstein, der unsere Klage damals abgewiesen und in seinem Urteil "Rücksicht auf das Alter der Beklagten" genommen hatte. Auch jetzt hält er zu den Beklagten und schmeichelt ihnen. Er sagt, dass der Vorsitzende Richter am OLG ja dafür bekannt sei, überraschende Urteile zu fällen und Urteile aus niederen Instanzen zu revidieren. Als er fertig ist und entlassen wird, fragt die Richterin mit Blick auf Annette, ob es sein kann, dass sie die Frau des Klägers sei? Ja, das bin ich, sagt Annette. Die Richterin sagt darauf, dass sie gedacht hatte, Annette würde zu den Jugendlichen gehören und eine Lehrerin sein. Sie bittet Annette nun, den Saal zu verlassen für den Fall, sie später nochmal als Zeugin zu verhören. Annette soll den Herbert hereinrufen. Jetzt ist also Herbert dran, bis 12:46 Uhr. Dann ruft Herbert wiederum Annette in den Saal. Sie sagt, dass sie sich gar nicht mehr so gut daran erinnern kann, wie das damals alles war, als uns das Fahrzeug vorgeführt wurde bei den Verkaufsgesprächen. Dass sie die ganzen dreieinhalb Jahre der Prozessführung so gut wie möglich verdrängt hätte, weil ihr diese Jahre nicht gutgetan hätten, weder psychisch noch körperlich. Ihre Vernehmung dauert nur ein paar Minuten. Dann geht es weiter mit beiden Gutachtern. Der Beklagte redet und redet und macht ständig Anmerkungen. Mehrfach wird er von der Richterin gebremst mit den Worten, dass er jetzt nicht dran sei mit dem Reden. Auch als die Staatsanwältin redet, quakt er ständig dazwischen, bis sie sagt, dass er jetzt überhaupt nicht zu reden hätte. Es geht auf 14:20 Uhr zu, als die Staatsanwältin verliest, dass die beiden Beklagten zu verurteilen seien wegen Betrugs und uneidlicher Falschaussage (nur die Ehefrau). Für den Mann fordert sie 180 Tagessätze à 30 EUR; für die Ehefrau 150 Tagessätze à 30 EUR. Und dass die Beklagten die kosten des Verfahrens zu tragen hätten. Nach einer kurzen Pause verkündet die Richterin das Urteil: Die Beklagten hätten uns wissentlich das Fahrzeug mit dem Schaden verkauft. Sie hätten uns einen finanziellen Schaden zugefügt; sie hätten uns mehr als dreieinhalb Jahre vor Gericht kämpfen lassen (so sinngemäß). Die Richterin verhängt für den Mann 150 Tagessätze à 25 EUR und für die Frau 120 Tagessätze à 25 EUR. Sie sagt, dass die Frau Glück hat, nicht für drei Monate ins Gefängnis zu müssen wegen uneidlicher Falschaussage, aber eine dreimonatige Haftstrafe könne man auf Bewährung aussetzen und mit Geldstrafe ahnden. Gegen das heutige Urteil können die Beklagten wiederum Widerspruch einlegen, innerhalb einer Woche ab heute, ausschließlich mit anwaltlicher Vertretung. Das machen die garantiert. Um 14:40 Uhr sind wir fertig und natürlich haben wir ein Knöllchen (15 EUR) am Auto - wir sind ja schließlich in Deutschland. Unser Parkschein ging nur bis 11:27 Uhr, wer konnte denn ahnen, dass sich die Sache so hinziehen würde? Und zwischendurch hatten wir keine Möglichkeit, den Gerichtssaal zu verlassen, um schnell zum Auto zu rennen und ein neues Ticket zu ziehen. Wir fahren jetzt erstmal zur Eisdiele in Brannenburg und sind irgendwie so leer im Kopf und überhaupt. Anschließend fahren wir zur Tochter und bleiben dort bis nach 22 Uhr. Es ist ein schöner Grillabend; man kann so schön auf deren Terrasse sitzen mit Bergblick. Die Terrasse ist aber noch Mondlandschaft. Das Haus gefällt uns jedesmal besser.    



auf der Rückfahrt halten wir mal am Rastplatz Chiemsee an



in der Eisboutique Venezia tanken wir erstmal auf



heute Abend wird wieder gegrillt

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