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Freitag, 01. November 2019



Blick auf die Klinikgebäude der Uni Rostock

So, heute ist der Tag der erneuten Untersuchung wegen Annettes Busens. Verrückt gemacht hatten wir uns die ganze Woche lang nicht, aber unterschwellig war der Gedanke daran vielleicht doch immer da. Auch heute ist das Wetter wieder grandios; da kann Annette - wie erhofft - das Fahrrad nehmen. Die Untersuchung ist nämlich nicht wieder bei uns im Stadtteil, sondern im Mammographie-Zentrum der Universität in der Doberaner Straße. Kalt aber sonnig ist es. Dick verpackt mit Mütze und Handschuhen und Schal macht sich Annette um 10 Uhr auf den Weg. Vorbei geht es an Kunsthalle und Schwanenteich, Botanischem Garten und schon ist sie am Werftdreieck und biegt ab in die Doberaner Straße. Nun ist sie im Stadtteil KTV, Kröpeliner.-Tor-Vorstadt, dem heutigen Szene- und Studentenviertel. Früher wurden hier die Knackis und Asozialen angesiedelt - heute ist das Viertel total angesagt und teuer. Aber alles sieht so aus wie im Fernsehen, übergequollene Mülltonnen und versaute Hausfassaden  (Graffiti). Leute mit Lackdose-Intoleranz würden hier kaputtgehen. So, um 10:20 Uhr ist Annette schon am Ziel. Es sind mehrere Gebäude, eines für HNO, eines ist die Augenklinik und was früher die Frauenklinik war, ist heute die Orthopädie. Egal, das Mammographie-Zentrum ist schnell gefunden. Kurioserweise liest Annette in der Wartezeit einen Bericht im Stern, dass die Krankenhäuser heute nicht mehr dafür da sind, die Leute gesund zu machen, sondern um Geld zu verdienen. Wieviel heute operiert wird, besonders an Gelenken. Annette ist dann schnell dran. Es wird ihr gesagt, dass man kleine Verkalkungen an der linken Brust gefunden hat, die man jetzt noch einmal anschauen will. Also wieder den Busen (nur den linken) einklemmen in dem Gerät. Das tut verdammt weh, aber Annette freut sich schon jetzt, dass sie keine Geschwüre oder Krebs hat. Dann wieder ins Wartezimmer und anschließend zum Ultraschall. Man geht bis in die Achselhöhle und schaut sich auch gleich noch die Lymphdrüsen an. Alles ist gut. Beim Ultraschall sieht man die Verkalkungen nicht (technisch nicht möglich). Dann zum Gespräch beim Arzt: Der Arzt ist ein komischer Kauz, der Annette kein einzigesmal in die Augen oder ins Gesicht schaut. Das fällt ihr richtig auf, aber vielleicht sind es die Skrupel, die er hat beim Gedanken, die Frauen unnötigen OPs unterziehen zu lassen. Er zeigt Annette die wirklich winzigen Pünktchen der Verkalkungen, die, wie er sagt, aussehen wie Salzkrümel, aber wirklich nur eine kleine Prise. Er will ihr eine OP anraten, ein Mammotome, wo mit einer Art Nadel in die Brust gestochen und eine Gewebeprobe entnommen wird. Alles örtlich betäubt. Annette sagt, dass sie das alles gern mit ihrem Mann besprechen, sich nicht sofort entscheiden wolle. Aber dann wäre ja der Termin am 12.11. schon weg!! Welche Nummer muss ich anrufen, um den Termin absagen zu können? Man schreibt sie ihr auf. Der Arzt sagt ihr, dass immer dienstags diese OPs (Mammotome) gemacht würden, und dass man an diesen Tagen jeweils fünf oder sechs solcher OPs durchführt. Und da ist bei Annette die Entscheidung gegen die OP gefallen. Vorher ja eigentlich auch schon. Mit Kanonen gegen Verkalkungen vorgehen!! Die Ärzte hatten sich die alten Unterlagen von Bad Aibling von 2014 angefordert. Dieser Bericht liegt auf dem Tisch, und als der Arzt mal kurz aus dem Raum gehen, fotografiert Annette den Bericht ab. Darin steht: Einzelne punktförmige Verkalkungen beidseits ohne Gruppierungstendenz, kleine Architekturstörung, keine suspekte Verdichtungsstruktur, kein Hinweis auf ein Malignon oder eine entzündliche Erkrankung der Brust . . . Also es ist nichts, aber nun hat man eben die teuren Maschinen angeschafft und nun muss der Rubel rollen, möglichst täglich, nun müssen die OPs her. Der Arzt kann niemanden im Klinikum Süd (wo die OP durchgeführt werden soll) erreichen. Er will Annette dann später zurückrufen. Um 12:30 Uhr ist Annette wieder daheim. Herbert, der sofort an der Tür ist, wird mit den Worten: Das war ein absoluter Witz, das ganze, begrüßt. Er ist irre erleichtert und nimmt Annette ganz fest in die Arme. Zehn Minuten später geht das Telefon los: Der Termin wäre am 12.11. um 8:30 Uhr. Annette sagt dem Arzt, dass sie sich auf der Heimfahrt gegen die OP entschieden hat. Ja gut, ist in Ordnung und Aufwiederhören. Später fällt Herbert auf, wie schnell der Arzt das Telefonat abgetan hat. War wohl wirklich egal, ob nun operiert wird oder nicht. Und anstatt jetzt erleichtert zu sein, dass nichts ist am Busen, ärgert Annette sich den ganzen Nachmittag über diese Geldmasche. Wieviel Frauen solchen unnötigen OPs wohl zum Opfer fallen? Sind ja nicht alle so pragmatisch wie Annette, die in der vergangenen Woche kaum an dieses Thema gedacht hat. Und doch hatte sie anfangs daran gedacht, was dann aus Herbert werden soll, jetzt, wo wir gerade erst hierhergezogen sind. Da hat er eine 20 Jahre jüngere Frau und dann kratzt sie ihm noch vorher ab. Auch wenn man heute nicht mehr zwangsläufig an Brustkrebs stirbt. Aber die Gedanken an die Behandlung und alles, was dranhängt. Eine Sauerei, aber der Brief kam uns ja schon so merkwürdig vor, wie ein Massenschreiben. Todmüde ist sie den ganzen Nachmittag, und der Busen tut noch irre weh. Um neun geht sie zu Bett. 



die Skulptur ist immer noch vorm Eingang der früheren Frauenklinik

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