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Samstag, 15. November 2014



heute wollen wir uns nicht verausgaben, weil es eine lange Nacht wird

Kalt ist es morgens nicht, aber es wartet eine andere böse Überraschung auf uns: Als sich Annette ans Schreiben setzt, funktioniert die Tastatur vom Laptop nicht; keinen einzigen Buchstaben oder die Abbruchtaste oder irgendwas kann man drücken. Sie muss Herbert aus dem Bett holen, und er zieht nach einigem Probieren einfach mal das Ladekabel ab und siehe da, die Tastatur funktioniert. Dafür merken wir, dass das 12V-Ladekabel kalt ist und gar nicht geladen hat. Ob es kaputt ist? Wir kramen ein altes 12V-Ladekabel heraus, das aber eine Macke (kleine Bruchstelle im Kabel) hat. Jetzt lädt es aber. Nach 1,5 Stunden steht Herbert dann richtig auf und schaut wie immer an jedem Morgen als erstes auf den Ladeautomaten und setzt die Zahlen auf Null. Und was sieht er da? Wir haben nur noch 49% Bordstrom. Was? Wie kann das sein? Wir sind böse überrascht und eine Minute später macht es p-e-n-g und schaltet der Bordstrom ganz ab. Radio aus, alles aus. Ein Knopfdruck und er ist wieder da, aber Herbert will jetzt ganz schnell den Generator anhängen. Ist zwar noch etwas früh für die Nachbarn auf dem Platz, aber ein paar Meter entfernt hört man ihn nicht mehr. Herbert lässt den Generator laufen, bis die Sonne hoch genug steht und lässt diese dann weiterladen. Peu à peu laden die Bordbatterien wieder auf.



wir treffen etwas zu früh ein an der Mehrzweckhalle von Santa Luzia

Den Tag verbringen wir dann bei uns am Platz. Wir wollen uns heute nicht verausgaben, weil es eine lange Nacht - Fado-Nacht - wird für uns. Bis nach Mitternacht bleiben wir gewöhnlich selten auf. Am frühen Abend, 17 Uhr, lässt Herbert den Generator wieder laufen. Als wir um 20:15 Uhr mit unseren schwedischen Nachbarn losgehen, haben wir 92% Bordstrom. Der Weg zur Mehrzweckhalle ist kurz, die Nacht mild. Eine Weile müssen wir dann mit den Einheimischen vor verschlossenen Türen ausharren, aber dann lässt man die Leute hinein. Jetzt hat jede Person 3 EUR Eintritt zu zahlen. Wie gemütlich und heimelig es drinnen ist. Ein Teelicht steht auf jedem der Tische, eine Flasche Wein, Brot, Oliven, eingelegte Karottenwürfel, Salami, Käse. Unser Tisch ist in der hintersten Reihe ganz außen an der Wand. Eigentlich perfekt. So kann Herbert auch mal ein paar Fotos und kurze Filmsequenzen aufnehmen.



alles ist hübsch eingedeckt

Dann ist es soweit. Auf einer Leinwand wird ein Film gezeigt, der die Anfänge des Fado beschreibt. Aufnahmen aus den 1930 und 40er Jahren. Die großen Stars von damals, wie Amália Rodriguez. Der Film ist auf englisch mit portugiesischen Untertiteln. Es ist fast gemein, dass die vielen Einheimischen sich den Film auf englisch anhören müssen und lesen-lesen-lesen müssen. Wir und unsere Schweden, wenn wir uns so umschauen, sind die einzigen Ausländer heute Abend. Es wird erzählt, dass der Fado oft soziale Mißstände anspricht, aber auch die Liebe und das Meer. Nach der Nelkenrevolution von 1974 konnte der Fado wieder richtig erblühen. Der Fado (gesprochen: Fadu) ist heute UNESCO-Weltkulturerbe und Identität der Portugiesen. Fado bedeutet  Fate, Schicksal.



die beiden Gitaristen eröffnen die Fado-Nacht

Dann ist der Film aus und die zwei Gitaristen betreten die Bühne. Sie spielen ein kurzes Instrumentalstück. Was für eine Akustik im kleinen Saal. Auch ist die Beleuchtung schön, und das Bild der vielen Anker vom Ankerfriedhof ist eine wunderbare Kulisse. Im Laufe der Vorführung betreten dann mehrere Sänger (vier Frauen, ein Mann und ein Junge von vielleicht 14 Jahren) nacheinander die Bühne und singen. Sie sind fast alle aus der Gegend, aus Vila Real de Santo António, aus Tavira, und der Mann, er ist bestimmt 70, ist aus Santa Luzia. Den Auftakt macht Inês Gonçalves mit einer umwerfenden Stimme und einem umwerfenden Auftritt. Bei besonders ergreifenden Passagen, wenn die Stimme nach einer leisen Sequenz wieder ansteigt und laut wird, jubeln die Leute im Saal und klatschen. Es ist eine fantastische Stimmung. Manchmal summen die Leute im Saal auch mit und werden entsprechend von den Künstlern aufgefordert.



die Künstlerin Inês Gonçalves ist die erste von vier Sängerinnen



der Junge von vielleicht 14 Jahren hat ein unglaubliches Talent

Nach zwei Stücken betritt der 14-jährige Junge die Bühne und haut jeden um. Es ist unglaublich, was er kann. Die Leute im Saal gehen sehr mit, und der ältere Mann am Nebentisch, der direkt neben oder vor Annette sitzt, wischt sich immerzu die Augen. Es ist sagenhaft, was die Fado-Musik mit einem macht. wie schade, dass wir die Texte nicht verstehen, aber sehr oft wird Lisboa (Lishboa) besungen. Welche Wehmut, welche Hingabe. Und wie bescheiden und unspektakulär die beiden Gitaristen auf der Bühne sind, und dabei sind sie doch der Motor der Fado-Musik. Fast jede der Sängerinnen hat während des Auftritts immer wieder Blickkontakt zu demjenigen Gitaristen mit der rundlichen, bauchigen Fado-Gitarre. Nach einer Weile setzt eine Pause ein, in der wir essen und trinken können. Es wird sogar Suppe an jeden Tisch gebracht. Also wirklich, für 10 EUR ist unser Tisch richtig bepackt und reicht für uns alle vier. Dann gehen die Auftritte weiter und am Ende sind wir alle dem Fado-Charme völlig erlegen, sind davon ergriffen. Bei einer Ansage - sie sagen alles auf portugiesisch, englisch und französisch an - hören wir, dass man die gestrigen und heutigen Einnahmen für den Aufbau eines Weihnachtsmarktes bzw. einer Vila Natal (Weihnachtsstadt) für die Kinder von Santa Luzia und Tavira hernehmen will. Um halb eins gehen wir alle heim und Yvonne und Ingemar, unsere beiden Schweden, für die dieser Fado-Abend der erste war, haben ganz leuchtende Augen. Kalt ist es auf dem kurzen Heimweg nicht.



in der Pause kommen wir zum Essen und Trinken



es wird sogar Suppe an jeden Tisch gebracht



ganz zum Schluss kommen alle Künstler auf die Bühne - sie singen sogar gemeinsam ein Stück

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