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Sonntag, 09. November 2014



als wir am Casa do Polvo ankommen, sind wir fast noch die einzigen

Heute vor 25 Jahren ging die Mauer auf. Annette war damals fast 21 Jahre alt. Alt genug, das alles bewusst miterlebt zu haben und jung genug, ihr Leben komplett neu auszurichten. Denn es war die Zeit der völligen Neuorientierung und Neufindung. So gut wie niemandem war es möglich, sein altes Leben so weiterzuleben, wie es war. Der Freundeskreis war plötzlich in alle Winde verstreut, weil jeder schauen musste, dass er nicht den Anschluss verliert. Plötzlich hatte man hunderte Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten. Alles war immer grau in grau, und jetzt war alles bunt und süß. Und so unverbindlich. Zu Ostzeiten hatte Annette übrigens nie die Absicht, abzuhauen oder offiziell auszureisen. Für die Leute ihrer Generation war die Existenz der Mauer völlig normal. Und man hatte auch nicht ständig den Gedanken "wir sind alle eingesperrt, wir sind alle eingesperrt, wie kommen wir hier raus". Man hatte ein ganz normales Alltagsleben und man hatte keine Zukunftsangst. Man hatte immer zwei Meinungen. Die, die man mit Freunden teilte und die, die der Staat hören wollte. Aber das war ganz normal. Ihr wäre die Vorstellung unerträglich gewesen, nie mehr in die alte Heimat zurückkehren zu können. Rostock war schon zu Ostzeiten eine lebenswerte Stadt. Und die Ostsee vor der Haustür zu haben, war ein unglaublicher Luxus in einem Land, in dem sich das Reisen auf ein paar der anderen Ostblockstaaten beschränkt hat. Und die DDR hatte noch den höchsten Lebensstandard aller Ostblockstaaten. Und in 1989 über Ungarn abzuhauen oder über die Prager Botschaft. In einem Auffanglager zu landen? Nein, das schon gar nicht. Es waren auch hauptsächlich Leute aus dem Süden, von Berlin an südlich, die diesen Weg gegangen sind. (Manche, vor allem Künstler, gingen nach der Wende zurück in den Osten.) Aber wie gesagt, sie war erst knapp 21 und außer dass man sie nicht hat studieren lassen (sie wurde dreimal abgelehnt in 1987, 1988 und 1989), hatte sie bis dahin keine persönlichen Repressalien erlebt. Studieren konnte sie dann erst ab 1990. Die Ereignisse von 1989, die zum Fall der Mauer geführt haben, haben das Leben der Ostdeutschen in ein Leben Davor und Danach geteilt. Annette ist froh, beide Gesellschaftssysteme miterlebt zu haben. Sowas passiert einem nur einmal im Leben. Sie bereut nicht, dass sie in der DDR aufgewachsen ist und dass diese Jahre sie mehr geprägt haben, als sie es selbst für möglich gehalten hätte. Sie hat ganz andere Wertevorstellungen und ist dankbar dafür. Erst viele Jahre nach der Wende hat Annette sich für die kulturelle Szene der DDR interessiert. Was es da für schöne Musik gab. (Sie ist mit Westfernsehen und Eadio NDR2 aufgewachsen.) Das war ihr zu Ostzeiten gar nicht bewusst, denn man war damals nicht so blöd, irgendetwas aus der DDR freiwillig gut zu finden, wenn man schon immerzu genötigt war, in der Öffentlichkeit gut über das Land zu reden. Die Musik der Band LIFT und von Holger Biege gefällt ihr da besonders. Und in der Literatur, wieviel Bücher da auf dem Index standen. Wie "Die Spur der Steine" von Erik Neutsch. Ein Bestseller, aber die Ausstrahlung des gleichnamigen Films wurde nach drei Kinotagen verboten. Oder der Roman "Franziska Linkerhand" von Brigitte Reimann. Dieses Buch wurde in der DDR auf groteske Weise zensiert. In einer Neuausgabe von 1998 sind all die Stellen, die der Zensur zum Opfer gefallen sind, angegeben. Annette hat sich mal die Mühe gemacht, all diese Stellen (hunderte Stellen)  im Buch zu markieren und erst dann mit dem Lesen anzufangen. Manche Stellen sind nur einzelne Worte oder kurze Passagen, aber es sind auch ganze Sätze und sogar ganze Buchseiten, die in den früheren Ausgaben fehlen. Oder die Musik der Klaus Renft Combo. Die kannte in Annettes Generation kein Mensch. War alles verboten. Immer wieder haben sie einem ins Hirn scheißen wollen. Nein, dies dürfen die Leute nicht lesen und das könnten sie auch falsch verstehen und am Ende noch am Sozialismus zweifeln. Nur gut, dass die Zeit der geistigen Unfreiheit vorbei ist. Dafür herrscht jetzt die kollektive Verblödung. So, das war der Blick zurück. Jetzt zurück ins Hier und Jetzt.

Zur Feier des Tages wollen wir heute essen gehen. Und zwar im Casa do Polvo, das Tintenfischhaus. Denn immerhin ist Santa Luzia ja die Hauptstadt des Tintenfischs. Gegen halb eins Ortszeit gehen wir los, und als wir am Casa do Polvo ankommen, sind nur ein Tisch draußen und zwei drinnen besetzt. Wir setzen uns nach draußen und als wir am Bestellen sind und fragen, was Camarão sind, merken wir, dass die Bedienung eine Deutsche ist. Camarão sind Schrimps, und die sind dann im Reis mit Tintenfisch. Das Casa do Polvo wird rappelvoll, alle Tische sind später besetzt. Das Essen ist sehr gut, und wir stoßen dann erstmal mit einem Glas Wein an aufs Vaterland. Annette erzählt Herbert dann mal wieder, wie es damals alles so war in den Wendemonaten und der Zeit danach. Die ersten vier, fünf Jahre nach 1990 waren schrecklich, das totale Chaos, plötzlich war der ganze Osten voll von Neonazis. In 1995 ist Annette ja dann weggegangen von Rostock und hin nach Walsrode. Nach dem Essen und dem Stück Deliciadas de Algarve (mit Feige, Mandel und Mohn) gehen wir bei herrlichstem Wetter wieder heim. Am frühen Abend schalten wir den Fernseher ein und schauen uns die Feierlichkeiten in Berlin zum 25. Jahrestag des Mauerfalls an. Es wird eine kalte Nacht heute.



ein Glas Wein aufs Vaterland und den 25. Jahrestag des Mauerfalls



das Casa do Polvo liegt auf der Promenadenstraße von Santa Luzia



wir essen Nudeln bzw. Reis mit Oktopus und Schrimps


 



als Dessert ein Stück Deliciadas de Algarve



das Wetter könnte nicht besser sein

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