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Donnerstag, 24. Juli 2014



auf der Fahrt nach Rosenheim

Heute hat Herbert seinen großen Termin in der diabetologischen Schwerpunktpraxis in Rosenheim. So, wie er in den letzten Monaten gelebt und vor allem geleibt hat, befürchtet Annette das schlimmste. Wir fahren gemeinsam hin, und Annette könnte ja derweil ein wenig durch die Stadt bummeln. Aber das macht sie dann doch nicht. Um 9 Uhr sind wir da; der Wartesaal ist brechend voll. Dann wird er aufgerufen, ist aber gleich wieder zurück. Dann wieder aufgerufen und bald wieder zurück. Nach dem dritten Aufruf bleibt er lange Zeit fort. Der Wartesaal leert sich immer mehr; es sind Leute jeden Alters da, auch jüngere. Aber alle sind schlecht zu Fuß, das fällt Annette richtig auf. Dann ist Herbert fertig. Er hat eine große Tüte mit Medikamentenschachteln bei sich und vier Rezepte. Annette liest "Micro-Fine Ultra Pen-Nadeln . . ." und weiß Bescheid. Er hat Insulin verschrieben bekommen, das er jetzt spritzen muss. Ist es also so weit. Irgendwie hat sie das schon geahnt. Monate-, wenn nicht jahrelang hat sie alles versucht, ihn von den vielen Süßigkeiten und Kuchen wegzubekommen. Sie konnte sich nie vorstellen, dass ein einzelner Mensch so viel Süßes essen kann. (Im Osten gab es nicht so viele Süßigkeiten, und die waren auch nicht so abartig süß. Sie hat sich in ihrer Kindheit ihre Geschmacksnerven nicht an so viel Süßem verdorben.) Früher hat Herbert sich immer mal 1 Flasche Cola gekauft. In diesem Frühjahr in Frankreich im 6er Pack. Dieses ganze Giftzeug; die scheißsüßen Getränke sind am schlimmsten. Auch die Limonade, die beim Öffnen immer so ekelhaft künstlich riecht. Seit er die jetzigen vielen Arzttermine vereinbart hatte, hat Annette nicht mehr mit ihm gestritten. Beim Arzt werden ihm schon die Augen aufgehen, hatte sie sich und ihm immer gesagt.



jetzt müssen wir nur noch einen Parkplatz finden

Als wir wieder daheim sind, arbeitet sich Herbert erstmal durch den Medikamentenberg. Fast wollte die Ärztin ihn ins Krankenhaus stecken, und Autofahren soll er eigentlich auch nicht mehr, in seinem Zustand. Seine Werte waren gigantisch, doppelt so hoch wie normal. Als Annette das alles hört, ist es eine Mischung aus Angst und Wut, die sie empfindet. Wie konnte Herbert so zügellos sein? An keiner Eisdiele konnte man mit ihm vorbeigehen. Wir haben deswegen oft gestritten. Als würde Annette ihm das alles nicht gönnen; als wäre sie zu geizig. Als wir mit Rosi und Manfred zusammen waren, kam sie sich oft als Spielverderberin vor, weil sie nie so wie die anderen reingehauen und gesündigt hat. In Frankreich musste jeden Tag Kuchen her. Annette hat dann oft mitgegessen, damit das Zeug schneller alle wird. Sie hat Angst um ihn, will ihn nicht verlieren. (Sie hat das alles schon mal erlebt, vor genau zwanzig Jahren.) Wir haben nun mal diesen Altersunterschied; da hätte Herbert erst recht mehr auf sich geben müssen. Bis abends sitzen wir draußen, dann haut Herbert sich die erste Insulinspritze in den Bauch. Er geht früh zu Bett, und es war ja auch - mit Verlaub - ein Scheißtag. Und am Montag haben wir beide noch mal einen wichtigen Arzttag.

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