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Mittwoch, 13. August 2014



so stehen wir jetzt auf dem Stellplatz von Oradour-sur-Glane

Morgens um 3 Uhr kracht der Regen mit solcher Wucht aufs Fenster, dass Annette nicht mehr schlafen kann. Jetzt ist die Nacht schon vorbei für sie. Um 6 Uhr sitzt sie am Reisebericht und ist wie erschlagen. Heute soll es ja viel regnen, und es regnet den ganzen Vormittag lang. Nach dem Frühstück geht Annette wieder ins Bett und schläft bis Mittag. Derweil hat der Regen aufgehört und ist es hell geworden. Wir wollen jetzt zum Stellplatz umziehen; jetzt um die Mittagszeit sollte es dort einen Platz für uns geben. Es gibt dann sogar mehrere. Man steht recht gut auf dem Stellplatz von Oradour-sur-Glane; es gibt auf Holzbänke und eine Grillstelle hier. Dann machen wir uns auf in den Ort, denn wir wollen uns ja das Centre de la Mémoire anschauen.



wir sind auf dem Weg zum Centre de la Mémoire



im Eingangs- und Kassenbereich

Der Komplex ist unterirdisch angelegt, es gehen viele Stufen hinunter zur Rezeption. Wir sind erstaunt, wieviel Leute mit uns hier unten sind. Wir zahlen 17 EUR Eintritt für alle Ausstellungen. Es gibt auch Audioguides, auf französisch, englisch und holländisch. Niemand will hier die Sprache der Nazis hören wollen auf dem Audioguide eines Nachbarn. Wir beide sind auch bemüht, kein einziges Wort zu reden, und es ist auch nicht das erstemal, dass wir unsere deutsche Herkunft verheimlichen. Dann geht es los. Große Schautafeln an den Wänden - in französisch, englisch und deutsch - erklären alles. Zunächst geht es um die Machtergreifung von Hitler, die Umstände in Deutschland in den 1930er Jahren, wie es dazu kam, dass die Nazis an die Macht kamen.



diverse Schautafeln veranschaulichen alles

Alles ist sehr gut dargestellt, mit vielen Fotos und Texten. Man nähert sich immer mehr dem 10. Juni 1944, dem Tag der Greueltaten von Oradour-sur-Glane. Es gibt Tagesbilanzen der vorherigen Tage, zum Beispiel vom 8. Juni. Wieviel Tote man in welchem Ort erledigt hat. Alles wurde akribisch und mit deutscher Gründlichkeit festgehalten. Zum Beispiel: Tulle: Erhängung von 99 Geiseln, 360 in Limoges verhaftete Männer werden zum Teil zur Zwangsarbeit abtransportiert, 20 Bahnhofswärter exekutiert. -- Dann sind wir beim 10. Juni angelangt. Es wird ein zwölfminütiger Film gezeigt, der englische Untertitel hat. Es waren etwa 200 SS-Leute, die in mehreren LKWs in Oradour eintrafen. Sie haben den Ort eingekesselt, damit ihnen niemand entkommen konnte. Dann hat man Männer und Frauen und Kinder getrennt. Frauen und Kinder hat man in die Kirche gepfercht; die Männer in einen Hof. Wir hören Worte wie Les Allemands (die Deutschen), Waffen-SS und raus raus raus. Von den Männern des Dorfes haben sechs versucht zu fliehen, fünf von ihnen ist es gelungen. Eine einzige Frau ist die Flucht gelungen (wenn wir das alles richtig verstanden haben). Dann hat man angefangen, die Frauen und Kinder in der Kirche abzuknallen, Babies, Kinder, alles. Man war da nicht wählerisch, hat da keinen Unterschied gemacht. Anschließend hat man auf die Leichen Holzscheite aufgeschichtet und die Leichen angezündet. Die Nazis wollten gern die gewölbte Decke der Kirche zum Einsturz bringen, was ihnen aber im ersten Moment nicht gelungen ist. Derweil hat man auch die Männer abgeknallt und angesteckt. Wie auch jedes einzelne Haus von Oradour. Der Ort muss lichterloh gebrannt haben. Ein oder zwei Tage später kamen ein paar Nazis zurück und begannen mit der Verstümmelung der Leichen, derjenigen, die nicht bis zur Unkenntlichkeit verkohlt waren. Man begann damit, die Spuren der Leichen zu beseitigen, insbesondere die Opfer innerhalb der Kirche. Sie verscharrten die Körper und Leichenteile in einer Sammelgrube, sie begannen, die Kadaver bis zur Unkenntlichkeit zu verstümmeln, um jegliche Identifikation zu verhindern, um diese förmlich "auszuradieren", um die Trauerarbeit der Überlebenden unmöglich zu machen. Weniger als 10% der Opfer konnten identifiziert werden. Es wurden 642 Frauen, Männer und Kinder in Oradour-sur-Glane ermordet.  

So, irgendwann war der Krieg ja vorbei, und es dauerte bis 1953, als es zu den Prozessen von Bordeaux kam. Und wie es mit fast allen Nazis der Fall war, gingen diese Prozesse mit Straffreiheit für die der deutschen Besatzung zwangsweise eingegliederten Soldaten aus dem Elsass aus. Es hat nämlich 13 Soldaten aus dem Elsass gegeben, die an den Greueltaten von Oradour beteiligt waren. Man hat am 10. Juni 1947 begonnen, den Grundstein des neuen Ortes Oradour-sur-Glane zu legen. Die auf das Urteil des Militärgerichts zu Bordeaux folgende Amnestie empörte die Einwohner von Oradour. Die nationale Vereinigung der Märtyrer-Familien beschloss, die sterblichen Überreste der Opfer nicht in die von den staatlichen Stellen errichtete Gedenkstätte zu überführen, sondern stattdessen eine eigene Märtyrer-Grabstätte innerhalb des Gemeindefriedhofs zu errichten. Das neue Monument wurde durch Spenden finanziert. Seit 1953, und als Reaktion auf das Urteil des Prozesses zu Bordeaux, werden von der Vereinigung der Märtyrer-Familien Gedächtnisfeiern veranstaltet. Man hat dabei nicht vorgesehen, Behörden, Abgeordnete und Vertreter des Staates zu diesen Gedächtnis feiern einzuladen. ausgeschlossen wurde auch jegliche Rede. Erst nach 1974 wurden die behördlichen Stellen zu den Zeremonien, die weiterhin unter völligem Stillschweigen verliefen, eingeladen.



man hat das alte Oradour in seinem völlig zerstörten Zustand belassen

Unser Weg führt nun wieder nach oben und zum Dorf Oradour-sur-Glane oder dem, was davon noch übrig ist. Man hat die Ruinen so stehengelassen, wie sie von den Nazis zurückgelassen wurden. Von manchen Häusern stehen nur noch ein paar Wände; die Dächer sind sowieso weggebrannt. Es ist ein schreckliches beklemmendes Gefühl, jetzt an den Fassaden entlangzulaufen, die man gerade eben im Film gesehen hat. Die Bahnschiene, die durch die Hauptstraße führt. Die Ruinen haben eine ganz andere Wirkung auf den Betrachter, als würde man das alles nur auf Fotos sehen. Wir kommen an die Kirche, wo man die Frauen und Kinder umgebracht hat. Die Decke fehlt und überhaupt ist nicht mehr viel übrig von der einstigen Kirche von Oradour-sur-Glane. Wir verlassen dann das ehemalige Dorf und gehen wieder heim. Dort können wir noch ein wenig draußen sitzen, aber die Temperaturen haben heute merklich nachgelassen.



ein Blick auf die Kirche, wo man alle Frauen und Kinder des Ortes niedergemetzelt hat



im Innern der Kirche, und was davon noch übrig ist


 



im zwölfminütigen Film hat man oft diesen Blickwinkel als Filmsequenz hergenommen



das Centre de la Mémoire ist mehr oder weniger unterirdisch



nach dem Besuch können wir noch einige Zeit draußen sitzen



den Stellplatz von Oradour-sur-Glane haben sie wirklich schön angelegt

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